Kopftuchmädchen
Neues Integrationsmodell
Mulitkulti – der Begriff hat den Geruch des Gescheiterten anhaften. Das will man natürlich nicht, und so hat sich Integrationsdezernentin Dr. Nargess Eskandari-Grünberg mitsamt ihrem Team eine Menge Gedanken gemacht und Plan B zur erfolgreichen Integration vorgestellt.
Wo und wie lebt er, der Frankfurter mit Migrationshintergrund? Ist es zumeist jener, „der sich hinter Gemüse- und Obstbuden aufhält und uns Deutsche mit der Produktion neuer, kleiner Kopftuchmädchen überschwemmt?“ So zumindest titulierte es der Berliner Ex-Senator und nun degradierte Bundesbanker Thilo Sarrazin in einem Interview. Große Wellen schlug er damit – allerdings nicht nur negative. Laut Umfragen ist die Hälfte der Bundesbürger zumindest teilweise seiner Meinung. Wie sieht es aus mit dem Integrationswillen unserer Neumitbürger? Wie kann es sein, dass einem Schüler gestattet wird, während der Schulpausen in einem eigens für ihn eingerichteten Raum zu Allah zu beten, andererseits aber alle Kruzifixe aus Klassenzimmern entfernt werden mussten? Darf man Kopftücher als frauenfeindlich empfinden, Angst vor „Übertürkung“ haben, es nicht verstehen, wenn hier seit vielen Jahren lebende Einwanderer kaum Deutsch können? Und dies auch sagen? Dürfen Muslime Moscheen fordern, während der Bau hier etablierter Gotteshäuser in islamischen Ländern fast undenkbar ist? Ist es zum anderen für viele Migranten schier unmöglich, auf gleiche Augenhöhe mit den hier Geborenen zu gelangen, angesichts der ihnen entgegengebrachten Arroganz und Stigmatisierungen, und sind so genannte Parallelwelten sowie Abschottung nicht ein Resultat dieser Ausgrenzung? Gibt es das Vorurteil vom „guten“ und „schlechten“ Ausländer und muss in einer so internationalen Stadt wie Frankfurt nicht Chancengleichheit für jedermann gegeben sein? Unabhängig von seiner Herkunft, sondern mit Blick auf den indidviduellen Status? Eines ist überdeutlich: Es besteht dringender Gesprächsbedarf – offen und ehrlich.
Das Aus für den Gartenzwerg oder wie ist er, der Deutsche?
Multikulti ist tot, es lebe die Super-Vielfalt. Was zum einen bedeutet, dass nicht mehr nur eine homogene Gruppe von Ausländern aus vornehmlich einem Herkunftsgebiet hier lebt, sondern der Zuzug von Menschen aus dem Mittelmeerraum, der Türkei, Italien oder Kroatien zurückgegangen ist und die Gruppe der Migranten aus z.B. Afrika und Asien stärker geworden ist. (Derzeit leben in Frankfurt 170 Nationen.) Es wird aber auch verdeutlicht, dass der Deutsche nicht mehr eindeutig zu klassifizieren ist, vielmehr unterschiedlichste Lebensmodelle aufweist. Es gibt ihn nicht mehr, den typischen Germanen, an den sich Einwanderer laut konservativen Kreisen orientieren sollten, vielmehr ändert sich gerade in einer Global City die deutschstämmige Einwohnerschaft ständig, ist ein fortwährendes Kommen und Gehen zu verzeichnen: Jeder Zweite lebt seit weniger als 15 Jahren hier. Die Gründe sind mannigfach, so sind z.B. ökonomische Gesichtpunkte für vielerlei Bewegungen und somit für einen vielfältigen „Way of Live“ verantwortlich. Auch das Bild des Deutschen, Türken, Engländers lässt sich längst nicht mehr so einfach deuten, unterscheiden sich doch zum einen die Nationalitäten in sich immer mehr und nähern sich andererseits Ausländer und Deutsche aus wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Gründen mehr und mehr an. Der Gedanke der Multikulturalität stimmt also nur mehr bedingt, denn im Fokus steht nun nicht mehr der Ausländer, dessen Kultur respektiert werden und der gleichberechigt neben uns leben soll, vielmehr gibt es mittlerweile derart viele unterschiedlichste Kulturen Deutscher und Migranten, sodass nicht mehr von einer Mehrheit, an die es für eine Minderheit gilt sich anzunähern, gesprochen werden kann. Neue Realitäten – neue Probleme?
Integrationspreis 2009
Alle Frankfurter sind aufgerufen, etwas zu tun, um das Zusammenleben der Kulturen, hiesiger wie „fremder“, zu verbessern. Wenn das gelingt, wird der Einsatz mit stolzen 15.000 Euro belohnt, die die Stadt Jahr für Jahr den Preisträgern vergibt. In diesem Jahr dürfen sich drei Projekte über die Ehrung freuen: „Nachbarn der Sophienschule“ nennt sich eines davon, das von drei Frauen aus Bockenheim gegründet wurde, die sich ehrenamtlich und mit viel Einsatz für einen Abbau von Vorurteilen und Schwellenangst einsetzen. Der Großteil der Schüler der Hauptschule hat einen Migrationshintergrund, die Chancen der Kinder sollen durch die Initiativen verbessert werden. Der Verein „Pakbann Theater e.V.“ engagiert sich für das gegenseitige Kennenlernen von Pakistani und Deutschen. Mit Festivals und kulturellen Veranstaltungen leistete er einen großen Beitrag, um Menschen mit pakistanischer Herkunft sich in Frankfurt heimisch fühlen zu lassen. Zu guter Letzt wäre da noch das Türkische Volkshaus anzuführen, das vom gleichnamigen Verein im Jahre 1965 gegründet wurde, um den damaligen Gastarbeitern, der ersten Generation der Migranten aus der Türkei, die Ankunft zu vereinfachen und einen gegenseitigen Austausch zu ermöglichen. Und das leistet das Haus bis heute. Alle drei Projekte machen sich stark für Integration, schön und wichtig, dass dies auch gewürdigt wird!
Im Gespräch
Integrationsdezernentin Dr. Nargess Eskandari-Grünberg stellte kürzlich den Entwurf eines Integrations- und Diversitätskonzepts vor, in dem sich den geänderten Realitäten angenommen wurde, und hat einen Entwurf vorgestellt, welcher der Mehrheit gerecht werden soll. Was aber wünschen sich die Frankfurter, wer und wie sind diese? Eine Website namens vielfalt-bewegt-frankfurt.de bietet die Möglichkeit, sich zu äußern – die Meinungen sollen nach einigen Monaten in ein Gesamtkonzept Einzug halten. Das zeitgemäße Modell mit den recht neuen Medium ist deutschlandweit einzigartig und soll als Vorreiter dienen. Aber ist es auch effektiv? Wird eine Internetplattform wirklich die Menschen erreichen, deren Meinung gehört werden soll? Geht der Konzeptentwurf nicht direkt an den Problemen vorbei, beschönigt diese nicht nur? Diese und andere Fragen stellte FRIZZ das Magazin der Dezernentin für Integration, Dr. Nargess Eskandari-Grünberg ...
Frau Dr. Eskandari-Grünberg, was sind die wichtigsten Punkte des Entwurfs eines Integrations- und Diversitätskonzepts?
238 Seiten in vier Sätzen? Frankfurt steht gut da, aber wir wollen mehr Verbindlichkeit, eine bessere Koordination und Zusammenarbeit. Viele reden von Integration, es ziehen aber nicht alle am gleichen Strang. Doch nur so bewegt sich etwas, nur so wird unsere Arbeit effizienter. Wichtig ist außerdem: An der Diskussion unseres Entwurfs können sich alle Bürgerinnen und Bürger beteiligen. So etwas hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Ich kann Ihre Leserinnen und Leser nur ermuntern: Machen Sie mit!
In der Presse wurde berichtet: Frankfurt verabschiedet sich von Multikulti: Stimmt das?
Ja und Nein. Multikulti war vor 20 Jahren, als auch das Amt für multikulturelle Angelegenheiten gegründet wurde, ein wichtiges Schlagwort, das zu Recht darauf hinwies, dass unsere Gesellschaft bunter geworden ist. Auch heute gilt: Multikulturalität ist die beste Voraussetzung für Integration. Integration gelingt, wenn wir anerkennen, dass unsere Gesellschaft plural ist. Aber Menschen leben ja nicht nur in „Kulturen“, sondern unterscheiden sich in ihren Lebensstilen, Überzeugungen, Berufserfahrungen und Interessen. Wenn wir Menschen in erster Linie als Vertreter einer „Kultur“ sehen, reduzieren wir sie auf einen Aspekt, der für sie selbst vielleicht gar nicht so wichtig ist, oder?
Als neuer Begriff findet sich bei Ihnen der der Vielfalt, auch der Super-Vielfalt. Was heißt das?
Vielfalt meint genau das: Menschen sind unterschiedlich, ob sie eingewandert sind oder nicht. Der Begriff der „Super-Vielfalt“ wird neuerdings von Wissenschaftlern ins Spiel gebracht und meint, dass alle Gruppen und auch die Mehrheitsgesellschaft längst nicht mehr einheitlich, sondern durch sehr viele verschiedene soziale Lagen, Meinungen und Lebensformen geprägt sind. Unsere Welt ist komplexer geworden. In Städten zeigt sich das besonders. Integration heißt: Damit müssen wir umgehen.
Liegen die Probleme nicht anderswo, nämlich bei Migranten, die schlechte Aufstiegschancen haben und deren Integrationswille eher bescheiden daherkommt?
Es geht ja nicht nur um Migranten. Auch Deutsche haben Probleme. Unser Konzept denkt in gesellschaftlichen Gruppen, in Milieus. Benachteiligten Gruppen müssen wir helfen, und das gelingt umso besser, wenn wir genau hinsehen, anstatt nach den alten Schubladen zu sortieren.
www.vielfalt-bewegt-frankfurt.de: Schöne, klare Website! Nur erreicht diese wohl nur Menschen, die gut deutsch sprechen, über einen Internetzugang verfügen und dem Thema Integration sehr positiv gegenüberstehen. Ist das nicht die falsche Zielgruppe?
Nein, das ist der falsche Blick. Integration geht uns alle an: Unsere Zielgruppe sind 670.000 Frankfurterinnen und Frankfurter! Jeder kann sich äußern, aber wenn wir einen Dialog führen wollen, brauchen wir eine gemeinsame Sprache. Rund 75% der Frankfurter Haushalte haben einen Internetzugang. Die anderen erreichen wir über Veranstaltungen. Warten Sie auch nicht immer nur auf die Stadt: Jeder kann selbst in seinem Umfeld aktiv werden. Sie bekommen bei uns Material.
Frau Dr. Eskandari-Grünberg, was sind die wichtigsten Punkte des Entwurfs eines Integrations- und Diversitätskonzepts?
238 Seiten in vier Sätzen? Frankfurt steht gut da, aber wir wollen mehr Verbindlichkeit, eine bessere Koordination und Zusammenarbeit. Viele reden von Integration, es ziehen aber nicht alle am gleichen Strang. Doch nur so bewegt sich etwas, nur so wird unsere Arbeit effizienter. Wichtig ist außerdem: An der Diskussion unseres Entwurfs können sich alle Bürgerinnen und Bürger beteiligen. So etwas hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Ich kann Ihre Leserinnen und Leser nur ermuntern: Machen Sie mit!
In der Presse wurde berichtet: Frankfurt verabschiedet sich von Multikulti: Stimmt das?
Ja und Nein. Multikulti war vor 20 Jahren, als auch das Amt für multikulturelle Angelegenheiten gegründet wurde, ein wichtiges Schlagwort, das zu Recht darauf hinwies, dass unsere Gesellschaft bunter geworden ist. Auch heute gilt: Multikulturalität ist die beste Voraussetzung für Integration. Integration gelingt, wenn wir anerkennen, dass unsere Gesellschaft plural ist. Aber Menschen leben ja nicht nur in „Kulturen“, sondern unterscheiden sich in ihren Lebensstilen, Überzeugungen, Berufserfahrungen und Interessen. Wenn wir Menschen in erster Linie als Vertreter einer „Kultur“ sehen, reduzieren wir sie auf einen Aspekt, der für sie selbst vielleicht gar nicht so wichtig ist, oder?
Als neuer Begriff findet sich bei Ihnen der der Vielfalt, auch der Super-Vielfalt. Was heißt das?
Vielfalt meint genau das: Menschen sind unterschiedlich, ob sie eingewandert sind oder nicht. Der Begriff der „Super-Vielfalt“ wird neuerdings von Wissenschaftlern ins Spiel gebracht und meint, dass alle Gruppen und auch die Mehrheitsgesellschaft längst nicht mehr einheitlich, sondern durch sehr viele verschiedene soziale Lagen, Meinungen und Lebensformen geprägt sind. Unsere Welt ist komplexer geworden. In Städten zeigt sich das besonders. Integration heißt: Damit müssen wir umgehen.
Liegen die Probleme nicht anderswo, nämlich bei Migranten, die schlechte Aufstiegschancen haben und deren Integrationswille eher bescheiden daherkommt?
Es geht ja nicht nur um Migranten. Auch Deutsche haben Probleme. Unser Konzept denkt in gesellschaftlichen Gruppen, in Milieus. Benachteiligten Gruppen müssen wir helfen, und das gelingt umso besser, wenn wir genau hinsehen, anstatt nach den alten Schubladen zu sortieren.
www.vielfalt-bewegt-frankfurt.de: Schöne, klare Website! Nur erreicht diese wohl nur Menschen, die gut deutsch sprechen, über einen Internetzugang verfügen und dem Thema Integration sehr positiv gegenüberstehen. Ist das nicht die falsche Zielgruppe?
Nein, das ist der falsche Blick. Integration geht uns alle an: Unsere Zielgruppe sind 670.000 Frankfurterinnen und Frankfurter! Jeder kann sich äußern, aber wenn wir einen Dialog führen wollen, brauchen wir eine gemeinsame Sprache. Rund 75% der Frankfurter Haushalte haben einen Internetzugang. Die anderen erreichen wir über Veranstaltungen. Warten Sie auch nicht immer nur auf die Stadt: Jeder kann selbst in seinem Umfeld aktiv werden. Sie bekommen bei uns Material.
Miteinander - Interkulturelle Wochen in Frankfurt
Unter dem Motto „Misch mit“ stehen die diesjährigen Interkulturellen Wochen, die zahlreiche Veranstaltungen zu gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Themen für Kinder, Eltern und Familien bieten. Mehrsprachige Lesungen, Diskussionen wie „Migranteneltern und Schule“, Filme wie „Der Kreis“ zur weiblichen Identität im Iran, Lesungen wie „Eure Ehre – unser Leid“ von der deutsch-türkischen Frauenrechtlerin Serap Çileli, latein-amerikanische Kochkurse, ein deutsch-afrikanisches Fest, ein Tango-Workshop, ein Wohltätigkeitslauf oder das Theaterstück „Faust“, das das Leben in der multikulturellen Stadt Frankfurt reflektiert – das Programm ist bunt und vielfältig. Eröffnet wird die Festwoche am 3.11. mit einer multireligiösen Feier (17.30 Uhr) in der Evangelische Stadtakademie (Römerberg 9).
INTERKULTURELLE WOCHEN: 1.-21.11., verschiedene Veranstaltungen, Programm: www.frankfurt.de
INTERKULTURELLE WOCHEN: 1.-21.11., verschiedene Veranstaltungen, Programm: www.frankfurt.de








